• 19Nov
2012

Baracke, Bombe, Baustelle

Warten, bis sich der Pulverdampf verzogen hat. Diese Redensart kann man hier wörtlich nehmen. Denn als der Zorn der Gegner verraucht ist, wird die Bombe gefunden. Sie hat das Gelände, das das bislang so schweigsame Unternehmen seit einem Monat bebaut, zu einem der bekanntesten der Welt gemacht. Die spektakulären Bilder von der Sprengung am 28. August um 21.54 Uhr laufen tagelang auf CNN, BBC, TV 5, Al Jazeera und tausend anderen Kanälen.

Manuel Richter, Mitte 30 und verantwortlicher Projektleiter bei der Hamburgischen Immobilienhandlung (HIH), sitzt damals in seiner Wohnung an der Elbe und drückt die Taste F5 auf der Tastatur seines Laptops. Aktualisieren. Er liest den Liveticker der AZ, verfolgt die entscheidenden Minuten vor der Sprengung. Geht alles gut? Wie hoch wird der Schaden sein? Zwei Tage vorher hat sein Handy geklingelt. Ein Kollege von der Baustelle ist dran. „Es gibt ein Problem.“ 250 Kilo schwer. „Ab dem Moment ist man nicht mehr Herr des Verfahrens. Wir verloren das Zugangsrecht auf die Baustelle“, sagt Richter. Zuerst bleiben die Bauherren gelassen. „Wir dachten: Das dauert einige Stunden – dann ist das Thema erledigt“, erinnert sich Norbert Müller von der brixx GmbH in der Sonnenstraße, die das Projekt mitbetreut. Falsch gedacht.

Die Bombe sprengt den Zeitplan. Doch das ist dem Unternehmen in dem Moment nicht so wichtig, wie es betont. „Wir sind sehr glücklich, dass keine Person zu Schaden gekommen ist“, sagt Müller. Andernfalls wäre die Baustelle statt zu einer Sehenswürdigkeit zu einem Mahnmal geworden. So gab es nur Sachschäden in Millionenhöhe. „Die bedauern wir sehr.“ Die Firma selbst hat kaum materielle Verluste zu verkraften. „Es waren ja noch keine Bagger und Geräte auf der Baustelle.“ Allein das XXL-Plakat, das zeigt, wie das neue Gebäude einmal aussehen soll, hängt nach der Sprengung in Fetzen von der Hauswand.

Die Gegner des Projekts sehen das als Zeichen. Sie sind in den Monaten zuvor auf die Straße gegangen, haben für den Erhalt der „Schwabinger 7“ demonstriert, aus ihrer Sicht eine Kult-Kneipe. Ein Protest, der die HIH überrascht. „Damit haben wir nicht gerechnet“, gibt Richter zu. „Zumal wir vorher mit den Mietern und Nachbarn intensiv gesprochen hatten.“ Dabei habe es nur „neutrale bis positive Reaktionen“ gegeben und keine kritischen Stimmen.

Das ändert sich schlagartig im Mai 2011. Die Initiative „Rettet die Münchner Freiheit“ gründet sich und kündigt an, das längst beschlossene Projekt notfalls mit einer Hausbesetzung zu verhindern. Im Juni treffen die HIH und ihre Gegner erstmals aufeinander – in der Sitzung des Bezirksausschusses (BA).

„Extrem emotional“ sei’s gewesen, erinnert sich Norbert Müller. Ein Anwohner schlägt vor, den Neubau auf Stelzen zu stellen. „Technisch machbar, aber Blödsinn“, sagt BA Chef Werner Lederer-Piloty. Wieder gibt es eine überwältigende Mehrheit fürs Projekt und kaum Gegenstimmen.

Die Proteste reißen trotzdem nicht ab. Konstantin Wecker und Willy Michl singen, Kleinkünstler und Kabarettisten demonstrieren mit über 1000 Münchnern für den Erhalt der „7“. Auch erboste Anrufe in der Zentrale der HIH in Hamburg soll es gegeben haben. Flüche und Verwünschungen. Im bayerischen Dialekt. „Ich kann nachvollziehen, dass Menschen aus dem Viertel sich damit beschäftigen, dass es Veränderung gibt“, sagt Manuel Richter von der HIH. „Mein Eindruck war jedoch, dass manche den Protest als politische Bühne genutzt haben.“ Und: „Am Ende entfernte sich das immer weiter vom eigentlichen Thema, richtete sich gegen Atomkraft und andere Dinge, die mit dem Projekt nicht das Geringste zu tun haben.“

Ob das Unternehmen selber überhaupt mal in der Schwabinger 7 gewesen ist? „Ja, ich war da“, sagt Richter der AZ. Man müsse sich ja mit dem Grundstück auseinandersetzen, um sich ein Urteil erlauben zu können. Seines formuliert er diplomatisch: Es habe sich um „eine sehr spezielle Kneipe“ gehandelt. Und: „Mein Lieblingslokal wäre die Schwabinger 7 sicher nicht gewesen.“ OB Christian Ude wird schon vor dem Abriss deutlicher: „Eine Saufkneipe in einer ehemaligen Baubaracke“ sei die „7“. Und habe mit der Diskussion um Gentrifizierung nichts zu tun. Kein Mieter werde vertrieben. „Das ist ein Ereiferungsthema, das ich nie verstanden habe, zumal die 7 ein paar Häuser weiter untergebracht wurde und der alten zum Verwechseln ähnlich sieht“, sagt er vor kurzem im AZ-Café „Ringelnatz“, das ein paar hundert Meter von der Baustelle entfernt liegt.

„An dem Ort gab es vorher keine einzige Wohnung – wir schaffen dort zusätzlichen Wohnraum“, sagt Manuel Richter von der HIH. Im Frühjahr 2014 soll das Projekt namens „MONACO“ fertiggestellt sein–mit 34 Wohnungen auf insgesamt 4400 Quadratmetern. Zwischen 52 und 250 Quadratmetern sind sie groß – einer kostet rund 8000 Euro. Das Publikum wird zahlungskräftig. Im Erdgeschoss soll es Ladenflächen auf 500 Quadratmetern geben. Die Hälfte der MONACO-Wohnungen ist bereits verkauft. „Die Leute kommen zum größten Teil aus München“, berichtet Manuel Richter. „Viele Käufer stammen sogar aus der unmittelbaren Nachbarschaft.“

Die Bauarbeiten laufen seit einem Monat. Derzeit wird der Boden für die Tiefgarage ausgehoben. Das Ziel: 49 Stellplätze. Die Fassade zur Feilitzschstraße soll überwiegend aus Glas bestehen. „Wer hier wohnt, der möchte sich nicht hinter drei Meter hohen Mauern verstecken“, sagt Peter Kupferschmidt, der Architekt. Er hat seine eigene Bezeichnung für die neue Immobilie gefunden: „Stadtvitrine“. Ein stiller Ort ist die Feilitzschstraße nicht gerade auch wenn der neue Hochglanzprospekt der HIH einen „Ruhepol inmitten des pulsierenden Lebens“ ankündigt. Sind da Beschwerden der neuen Bewohner schon programmiert? Die Schwabinger Wirte kennen solche Probleme. „Dass dort eine belebte Straße liegt, macht den zukünftigen Eigentümern nichts aus“, ist sich Manuel Richter sicher. „Die Leute, die dort hinziehen, wissen, was los ist – und freuen sich darauf.“

Von Timo Lokoschat
Abenzeitung, München, 19.11.2012